PRIDE & SHAME & PREJUDICE

Lars van Roosendaal (*1977, Leiden, Niederlande) kreiert Urban Sketches, Illustrationen für Magazine, Bücher, Plakate und Musikalben sowie Kunstinstallationen im öffentlichen Raum. Er visualisiert seine Ideen sowohl mit traditionellen analogen als auch mit digitalen Medien.

Seine letzte große Ausstellung – Pride & Shame & Prejudice (Stolz & Scham & Vorurteil) – konnte man jetzt vom 1. Oktober bis zum 1. November 2020 im ROPP – Republic of Patta Patta – Margaretenstraße 60, 1050 Wien, besuchen. Damit alle Besuchenden sich auch in Zeiten von Covid-19 sicher fühlen konnten, gab es bei den zwei Vernissage-Abenden am 1. und 2. Oktober sogenannte Time-Slots, für welche man sich vorher online anmelden musste: so durften sich pro halbe Stunde nur fünf Personen gleichzeitig im Ausstellungsraum befinden. Mehr als 60 angemeldete und weitere 40 spontane Besucher haben an den beiden Eröffnungsabenden die Ausstellung gesehen.

Der niederländische Künstler porträtierte anläßlich dieser Ausstellung verschiedenste Menschen aus der schwulen Community – persönlich vor Ort – aber auch während der Ausgangsbeschränkungen über Videocall-Sitzungen und WhatsApp-Fotosessions.

Van Roosendaals Werke berühren dabei existenzielle queere Themen und hinterfragen zudem, was denn eigentlich der LGBTIQ-Stolz ist, woher die sogenannte Gay-Shame kommt und wie mit Vorurteilen innerhalb und außerhalb der schwulen Community umgegangen wird.

„Weil wir mit bestimmten Bildern bezüglich Maskulinität und Femininität aufwachsen und viele Menschen sich jahrelang (nicht nur) als Jugendliche für die eigene Identität schämen, entstehen anderen Menschen gegenüber besonders starke Abgrenzungen und eine oft abweisende Haltung. Auch in der LGBTIQ-Community. Vermutlich um die eigene fragile Identität zu schützen.“ beschreibt Van Roosendaal seinen Zugang.

Der Künstler zeigt in seinen Werken diese Konflikte auf und sagt, angelehnt an einem Zitat der legendären New Yorker Dragqueen Marsha P. Johnson: „Ich möchte uns allen bewusst machen, dass, so lange wir uns gegenseitig diskriminieren, keiner von uns richtig frei sein wird.“

Queer Masculinity

Schwarzblaue Kalligraphietusche, Feder, 2020 | 29,7 x 42 cm

In meiner Kindheit und auch im Jugendalter lehnte ich alles Männliche an mir ab. Ich lebte nicht gern. Männer, die als Vorbild dienen hätten können, waren nicht vorhanden. Es war zum Verzweifeln, denn ich befand mich in einem Niemandsland aus körperlicher Männlichkeit bei gleichzeitiger psychischer Ablehnung jeglicher Maskulinität. Erst im Erwachsenenalter ist es mir zusehends gelungen, der eigenen Männlichkeit etwas abzugewinnen. Ich konnte sehr motivierende Erfahrungen sammeln als ich begann, den Mann in mir zu akzeptieren, zu nähren und zu fördern. Die Neugier aufs Leben, die Abenteuerlust und eine unbändige Lebensfreude gingen mit meiner Entdeckung der neuen Männlichkeit einher. Ich habe einen Kontinent betreten, den ich nicht nur nimmermüde erforsche, sondern über den ich jeden Tag staune. Es sieht so aus, als ob meine Forschungsreise noch lange nicht zu Ende gehen wird. (Markus Kuhn)

Heiligensch(w)ein

Acryl, Faber Castell Pitt Pen auf Papier auf Karton, 2020 | 24 x 24 cm

SEX IST KUNST. KUNST IST SEX. Sex ist eine große machtvolle Kraft, die Erwachsene im Lauf ihres ganzen Lebens fesselt und die überwältigende Mehrheit unserer Verhaltensmotive bestimmt. Wir sehen, dass alle Aspekte unseres Lebens davon abhängig sind. Kultur, Literatur, Kunst, Wissenschaft, menschliche Verbindungen und auch die Gesellschaftsstruktur. In anderen Worten: Sex, Liebe und Eifersucht bestimmen ALLES. Ich betrachte Sex als Natur. Und die Natur unserer Welt besteht darin Genuss zu empfangen. Ich bin stolz, dass ich schon früh genau diese Sichtweise für mich gefunden habe und sie auslebe. Es gibt nichts zu verstecken und absolut nichts, wofür wir uns schämen müssen, denn das ist die Natur unseres Wesens, der Dinge und unseres Lebens. Ich finde, es ist schön, mein sexuelles Leben in der Hand zu haben, anderen Mut zu geben und ihnen das gleiche Gefühl der Freiheit, des Genusses und der Zufriedenheit zu geben. Das ist genau meine Rolle hier, auf sozialen Netzwerken und im realen Leben. I am your ambassador of sex, your god of fuck, the tempter. Natürlich – durch diese Art, die ich vertrete, bin ich ein Dorn in den Augen vieler Menschen, vor allem schwuler – denn nicht alle haben diesen Mut, nicht alle haben die Freiheit, nicht alle wissen WIE, jedoch alle möchten ES. Und solange diejenigen das WIE nicht erfahren, werde ich oft von Vorurteilen sein. Ich liebe es zu dienen – dem Mann, der Gesellschaft oder Menschen in Not. Ich liebe es, andere zu ermutigen und positiv zu beeinflussen. Das ist der Kern meines Wesens. Und ich liebe es, sie ficken zu sehen. Denn wenn sie ficken, sind sie glücklich, und wenn sie glücklich sind, ist die Welt schöner. I am an ultimate whore to adore… (Damien Thorn)

Puppy Pride

Digital Paint auf Papier, 2020 | 40 x 60 cm

Es macht mich stolz, jungen Puppies zu helfen, ihren Weg in die BDSM-Welt zu finden und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Die Vorurteile gehen eher allgemein gegen die Fetisch- und BDSM-Player, dass es hier nur um Schmerz geht, und Perversionen. Aber das lässt sich meistens mit ein paar Beispielen im offenen Gespräch leicht aus der Welt schaffen. (Alpha Benji, Handler)

Der Stolz auf meinen Puppy-Fetisch ist mir sehr wichtig, da es für mich ein Zeichen der Anerkennung in der Community ist. Ich bin megaglücklich und stolz über den Zusammenhalt innerhalb unseres Rudels. Leider kommt es hin und wieder vor, dass ich mich für andere Mitglieder der Community „fremdschäme“, da sie sich anderen Community-Mitgliedern, auch anderen Fetischen gegenüber, unpassend und teilweise sehr abwertend verhalten! Oft bekomme ich zu hören, Puppys seien weniger wert als andere und hätten dadurch weniger Respekt verdient als andere Fetische wie zum Beispiel Leder. (Puppy Dino)

Für mich bedeutet der Stolz auf mein Puppy-Sein: Freiheit. Scham hält einen gefangen. Gefangen wird man nicht glücklich. Ich schäme mich manchmal für den Menschen, der ich einmal war. „Wenn du BDSM machst, fehlen dir da nicht die Nähe und Gefühle?“ BDSM hat viel mehr mit Nähe, Gefühl und Vertrauen zu tun, als manch einer glauben will. (Spielzeug Alex)

Der Stolz des Puppy-Seins liegt unter anderem darin, dass man schnell lernt, wie man seinen Kopf vom Alltag abschaltet und in eine ganz andere Welt abtaucht. Die Zeit, in der man abschaltet, macht nicht nur Spaß, man vergisst auch für ein paar schöne Augenblicke die Sorgen des Tages. Als jemand, der konstant seine Sorgen vor Augen hat, ist Puppy-Sein eine Erholung. Scham fühle ich, wenn ich nicht-queeren Personen das Konzept von Puppy-Sein erklären muss, das in heteronormativen Denkweisen selten einen Gedanken wert ist. Leute, die herausfinden, dass ich Puppy bin, reduzieren mich auf das, was sie darunter verstehen – einen Freak. Doch hinter der Maske steckt ein Mensch mit vielen Facetten. Dass Fetisch immer noch ein Tabuthema ist, schafft viele Vorurteile und erschwert vielen Menschen, wirklich offen darüber reden zu können. (Puppy Luke)

Als Pup bin ich in der Lage, die stolze Rolle zu übernehmen, für meinen Handler da zu sein und mit ihm meine Fetischwelt zu erforschen. Manchmal geht man tief rein in diese Welt, und das funktioniert als Puppy, da ich mit meiner Maske alles sicher erfahren kann und wenn etwas schief läuft, holt mich mein Handler da raus und schützt mich. Als ein Alpha-Pup bin ich auch ein stolzer Pup in meinem Rudel und auch gut zu meinem eigenen Beta-Pup. Beschämt bin ich nie. Was ich mache, gehört zu meinem Fetisch. Und ich bin stolz, mich als Kinkster, und als Pup mit einem Sneaker in meinem Maul auf meinen vier Beinen zu präsentieren. Als Pup wird man oft als ein Kind behandelt und auch als „sehr kindisch“ wahrgenommen, obwohl der eigentliche Puppy-Fetisch komplett anders ist und sehr in die von vielen erwartete „dunkle Seite“ fällt. Es ist eben neu und man muss sich daran gewöhnen. Ich erwarte auch nicht von jedem, meinen Fetisch zu akzeptieren. So, wie ich auch nicht auf „alles“ stehe… (Puppy Helios)

Candy Licious

Buntstifte auf Papier, 2020 | 29,7 x 42 cm

Ich bin und fühle mich stolz, wenn ich sehe, was wir alles erreicht haben in den letzten Jahren. Es erfüllt mich ebenso mit Stolz, wenn ich als Dragqueen über die Regenbogenstraße laufen kann und somit zeige, dass wir uns nicht einschüchtern lassen. Und somit machen wir jungen Menschen Mut, genau das zu machen. Auch ich habe solche Bilder gebraucht, als ich noch Kind war und diesen Mut konnte ich so in Stolz umwandeln. Als Dragqueen schäme ich mich manchmal auf Datingprofilen zu sagen, dass ich Drag mache, da ich dann oft auf das reduziert werde und nicht als Mann gesehen werde. Jedoch fühle ich mich stolz, wenn ich sehe, was ich als Dragqueen bewegen kann. Ich kann Farbe in die Welt bringen und durch Gespräche klar machen, dass es egal ist, was ich anhabe. Mensch bleibt Mensch. (Candy Licious / Bernhard Ledinski)

Body Pride

Buntstifte, Faber Castell Pitt Pen auf Papier, 2020 | 29,7 x 42 cm

Ich bin stolz auf meine Andersartigkeit, dass ich schwul bin, weil wir etwas Besonderes sind. Ich gehöre zu einer engen sozialen Klasse, die offen und inklusiv ist. Ich bin stolz auf meinen Körper, weil er einzigartig ist – so wie die Körper der anderen fast 7 Milliarden Menschen. Ich bin stolz, weil mein Körper sich von den Normen der schwulen Gesellschaft unterscheidet. Ich bin nicht dünn, ich bin nicht muskulös, ich bin kein „Playgirl“. Ich bin haarig und männlich. Ich bin ein Mann, der Männer liebt. Ich bin froh, in einem Europa leben zu können, in dem ich dies tun kann. (Istvan Paizs)

Badger Pride

Bleistift auf Papier, 2020 | 29,7 x 42 cm

Rise of the Badger. Coming from a very small town on the countryside I imagined the gay community in the big city to be colorful, tolerant, multi-faceted and welcoming. When I moved to Vienna I experienced a lot of great things but I also got to see the other side of the medal. A lot of times regarding gay advertisement as well as the general attitude towards each other, I realized that there is a lot of body shaming going on as well as a glorification of a body idol that is unreachable for most men. This new side hit me hard and for quite a while I felt insecure about my own body. I am average but suddenly I felt not good enough for anyone, I didn’t go to the gym that often, I didn’t have abs and my proportions suddenly felt not right. After being judged by quite an amount of men telling me that I was too skinny, too fat, too smooth and realizing that I didn’t fit in any of the numerous tribes like bears, twinks, otters, cubs, muscle hunks and so on, I knew I had to do something against it. So, I was giving myself two options. Either I adjust and start working out to please those men to be respected and finally acknowledged in one of the categories or I just stay as I am, learn to deal with it and start loving myself again by creating my own tribe. I went for option two and it took some time but I have reached a point where I finally can say that I am proud of my average body, my big booty, my hair, my face and everything else. This was the birth of me as a BADGER (dt. Dachs). Now I am finally feeling like a proud majestic fierce Badger, ready to conquer the gay community. (Bernhard Fritz)

Nipple Pig Pride

Digital Paint auf Papier, Kunstdruck, 2020 | 20 x 30 cm

Well, I’m from a generation in which it wasn’t easy to fully live my sex life as a gay man. Everything was hidden, in the shadows, kept in the dark. No, it wasn’t easy. Then around 1996 I began to experience the stigma surrounding HIV, and with it came depression, anxiety, rejection of my body, and rejection of my sex life. I simply closed myself off from a sex life, especially considering the damaging side effects the medicines at that time had on my body. A few years ago, I decided to give my body a new chance and it was then that I discovered my nipples and the pleasure they provide when they are stimulated. Today they are the epicenter of my pride. Yes, today there are still some prejudices, though we are working to overcome them. Now, I’m proud of my gay life and, above all, having the best man next to me helps me forget the prejudices and stigmas that still remain. FEEL PROUD OF YOURSELF, that’s my Motto! (Anonym)

Body Shame

Aquarell, Faber Castell Pitt Pen auf Papier, 2020 | 36 x 51 cm

As a gay child, who grew up in a small city, where gay people didn’t live openly, I’ve always felt like I needed to prove my masculinity. The way I look, talk, behave, even the way I walk. I’ve always felt like I was „under the microscope“. This feeling haunts me to this day, to this very moment. When I came out to the world as a gay man and started to openly celebrate my sexuality with the world, I realized that in some ways there is even more pressure among gay men to fit to a certain masculine ideal. The yearning to conform to that image and the will to prove myself still exists within me. The fear of being doubted, of being questioned still weighs heavily upon me. Nonetheless, I take great pride in being part of a community which truly celebrates color and diversity as a whole. Thanks to my gay brothers and sisters who fought their way to have equal rights and recognition years ago, we have the privilege to live, and love – fearlessly and proudly! Unfortunately the battle for equal rights and liberation isn’t over yet, we’re still living in a world where some gay people have to hide who they are for fear of being persecuted, and in some places even being hunted and murdered. That’s why we need to make sure all LGBTQIA people will be able to celebrate their sexuality one day by celebrating vicariously for them now! In celebrating ourselves we celebrate them! (Anonym)

Asian Pride

Aquarel-Graphitstift, Graphitstifte, Aquarell auf Papier, 2020 | 20 x 30 cm

Shame: I don’t feel ashamed about being a gay chinese man in Austria at all. There was, however, that time when I tried to marry a man in Austria but needed proof of an „Affidavit of Single Status“ from the Chinese embassy in Vienna, which recognizes the future spouse. Due to the Chinese law, which doesn’t allow two men to get married, it wasn’t possible for me to get the „Affidavit of Single Status“ from the embassy. Pride: I’m a good-looking young man with extremely smooth and soft skin who is always passionate about sex. Prejudices: I personally respect all professions, but often being considered a masseur is really annoying. Guys, seriously?! Please save your bourgeois and limited vision – Asians can do so much more than that. (Anonym)

Refugee Pride

Indische Tusche, Aquarell auf Papier, 2020 | 30 x 40 cm

The word Pride has its own meaning for each person. For me, Pride is when you motivate someone or are an inspiration for something new and wonderful. Beauty is as multifaceted as our rainbow community. I am a happy person and I hope that I can inspire my loved ones and friends to new and fantastic things… Shame is a very strong word, the power of it lies in the fact that it often breaks people, and forces them to live unauthentically. However, if one overcomes shame, one can transform that pain and become stronger for it. Although at the beginning of that path Shame severely tortures you and forces you to look into the eyes of your demon… (Komil Radzhabov)